Sind Frauen gemein? Selektive visuelle Aufmerksamkeit

Die Antwort lautet ja! Doch sie hat gute Gründe.


Wenn Sie eine Frau sind und die Klatschpresse lieben, dann lesen Sie sicher die bunten Magazine und achten dabei ganz besonders auf die kleinen Unvollkommenheiten der Prominenten. Sie verweilen bei dem Paparazzifoto der Starsängerin, das an einem Privatstrand ihren schlaffen Bauch enthüllt. Besonders gefällt Ihnen ein anderes Bild, geschossen von einem skrupellosen Fotografen von der Königin der Topmodels gleich nach dem Aufstehen, das zu viel Cellulite verrät. Sie sind mit Ihrem klammheimlichen Vergnügen nicht allein.


Im Übrigen, wenn die Paparazzi unsere Idole heimlich ins Visier nehmen, um sie auf dem falschen Fuß zu erwischen, dann doch wohl deshalb, weil es Leser gibt, denen das gefällt. Eben dies beweisen die Arbeiten niederländischer Psychologen.

Die Forscher Jansen, Nederkoorn & Mulkens zeigten 2005 mehreren Hundert Frauen zahlreiche Fotos, auf denen die Körper anderer Frauen zu sehen waren, und stellten mithilfe der Elektro-Okulografie fest, an welche Stellen der Fotos die Frauen blickten. Bei diesem Verfahren zeichnet eine Kamera sämtliche Augenbewegungen auf. Wie sich herausstellte, richteten sich die Blicke direkt auf die "Problemzonen", auf die kleinen physischen Mängel der abgebildeten Leiber. Dagegen mieden sie förmlich deren schönste Partien, selbst (um nicht zu sagen vor allem) auf den Fotos sehr wohlgestalter Frauen. Am erstaunlichsten war, dass die Probandinnen, zeigte man ihnen das Bild ihres eigenen Körpers, spontan dessen schönste, reizvollste Partien betrachteten und ihre eigenen Unvollkommenheiten außer Acht ließen.

Jansen vermutet, dass die Frauen unbewusst so reagierten, um ein positives Selbstbild zu schützen und aufrechtzuerhalten. In einem früheren Experiment zeigte man Frauen ebenfalls Fotos anderer Frauen. Eine Gruppe erblickte eine sehr schöne Person auf dem Foto, während die Teilnehmerinnen der anderen Gruppe eine durchschnittliche zu sehen bekamen. Danach sollten die Probandinnen sich auf verschiedenen Dimensionen selbst beurteilen. Wie sich herausstellte, hielten sich die Teilnehmerinnen, die zuvor sehr attraktive Frauen gesehen hatten, für weniger reizvoll und für weniger annehmbare Gefährtinnen als die Betrachterinnen der Durchschnittsfrauen.


Wenn sich also Frauen auf die Mängel ihrer Geschlechtsgenossinnen konzentrieren, können sie sich dem Vergleich leichter aussetzen, ohne in Katzenjammer zu verfallen. Im Übrigen fanden die Psychologen mit demselben Experiment heraus, dass Frauen mit Essstörungen wie Bulimie oder Anorexie entgegengesetzt reagieren: Sie betrachteten ihre eigenen körperlichen Mängel länger und blickten spontan auf das Schmeichelhaftere an anderen Frauen. Diese Frauen leiden unter einem verzerrten Körperbild und entwerten ihren eigenen Körper. 

Last but not least: Falls Sie eine Frau kennen, die ihren Körper nicht mag und sich ständig selbst herabsetzt, bringt es gar nichts, wenn Sie sie mit den Worten vor den Spiegel zerren: "Schau dich doch an, sieh, wie schön du bist!" Letztlich läuft diese Strategie eher Gefahr, das Gegenteil des Beabsichtigten zu erreichen, weil sie nur auf etwas aufmerksam macht, das bei ihr überhaupt nicht zieht.


Fazit

Welcher Mann hat noch nie seiner Freundin gegenüber eine Bemerkung fallen lassen, wie hübsch er dieses Topmodel oder jene Sängerin findet? Welcher Mann hat daraufhin noch nie von seiner Freundin zu hören bekommen: "Äh, na ja, pfff ..."? Und welcher Mann hat sich noch nie darüber gewundert, wie eben diese Freundin über die "verborgene" Schönheit einer zweitklassigen Schauspielerin in einer Fernseh Soap in Verzückung gerät? Nun, wenn Sie zu diesen Männern gehören, sollten Sie sich nicht mehr wundern, denn zunächst einmal geschieht dies nicht bewusst. Überdies wissen Sie ja jetzt, dass Ihre Liebste nicht den Kopf hängen lässt. Mithilfe ihres Urteils wehrt sie lediglich einen Anfall von Trübsinn ab und bedient sich eines sozialen Abwärts- Vergleichs, um ihr positives Selbstbild zu schützen.

Quelle:

Jansen, A., Nederkoorn, C. & Mulkens, S. (2005). Selective visual attention for ugly and beautiful body parts in eating disorders. Behaviour Research and Therapy, 43.

Kenrick, D. T., Neuberg, S. L., Zierk, K. L. & Krones, J. M. (1994). Evolution and social cognition: Contrast effects as a function of sex, dominance, and physical attractiveness. Personality and Social Psychology Bulletin, 20.


Schlagwörter: Selbstwert, Selbstvertrauen, Selbstbewußtsein, selektive Aufmerksamkeit