Warum man jetzt keine sozialen Kontakte beenden sollte

Wenn soziale Kontakte plötzlich ganz andere Ansichten zeigen, wird es manchmal schwierig
Wenn soziale Kontakte plötzlich ganz andere Ansichten zeigen, wird es manchmal schwierig

Jeder geht mit einer Krise anders um

In Zeiten der Coronavirus Krise sind die meisten Menschen angespannter als davor, das ist nur zu verständlich und nachvollziehbar: Quarantäne oder Ausgangsbeschränkungen, die ungewohnte ständige Nähe von Bezugspersonen oder das Fehlen von Bezugspersonen, Einsamkeit, zu wenig Privatsphäre, Ängste in alle möglichen Richtungen oder andere seelischen Probleme und vieles noch mehr, prasseln jetzt gerade auf die Menschen ein, quälen den einen oder anderen gerade jetzt wahrscheinlich mehr als sonst.

Zunächst muß man verstehen, dass jeder Mensch anders mit der oben beschriebenen Anspannung umgeht. Die Seele hat viele unterschiedliche Methoden mit Bedrohungen umzugehen, zusätzlich kommt noch dazu, dass nicht jeder Mensch über die gleichen Bewältigungsstrategien verfügt. Faktoren wie Intelligenz, Hausverstand oder das genetische Grundgerüst, tun ihr übriges dazu. 


Wenn Freunde oder Bekannte anfangen zu nerven, weil sie anders denken

Wenn man in heutigen Tagen draufkommt, dass man den einen oder anderen Freund, Bekannten, Kollegen oder Verwandten nicht mehr verstehen kann, nicht mehr aushalten kann oder nicht mehr wieder erkennt, weil die geäusserten Meinungen plötzlich irritierend wirken, könnte das daran liegen, dass der Freund, Partner, Kollege, Bekannte, usw. eine eigene Art hat mit der momentanen Situation und den damit einhergehenden Sorgen umzugehen. 

Hier können Sie nachlesen, welche die bekannten Abwehrmechanismen der Seele sind die in der allgemeinen Psychologie verwendet werden (sie beruhen auf tiefenpsychologischen Grundannahmen):

https://de.wikipedia.org/wiki/Abwehrmechanismus#Liste_bekannter_Abwehrmechanismen


Manch einer wäre geneigt, den einen oder anderen Kontakt abzubrechen, hier sollte aber einiges bedacht werden, bevor man wirklich zum Kontaktabbruch schreitet:

  • Überlegen Sie, wie Ihr Verhältnis zueinander vor der Coronavirus Krise war. Welche Beziehung hatten Sie vor der Coronavirus Krise zueinander? Mochten Sie die Person vorher? War Ihnen die Person vorher schon "unsympathisch"?
  • Überlegen Sie, warum Sie jemanden nervig finden. Überlegen Sie dabei, wer in der Beziehung definiert, welche Meinung die Gültige ist? Kann es sein, dass jemand nervig erscheint indem er seine Meinung kundtut, weil diese Meinung die eigenen Abwehrmechanismen stört?


Verhaltenstherapie:

Hier einige Ratschläge aus der verhaltenstherapeutischen Behandlungspraxis:

1) Üben Sie sich in Akzeptanz und Toleranz - Jeder ist ein Mensch und es kann nicht nur Superhelden geben. Jeder Mensch ist aus verschiedenen Gründen so geworden wie er ist, und zwar in seiner Gesamtheit (Denken, Fühlen, Verhalten, Körper usw.) Es steht im Grunde auch niemandem zu, jemand anders zu bewerten, man hat Menschen zu nehmen wie sie sind. 

Dies nennen wir in der Verhaltenstherapie radikale Akzeptanz. 

Menschen haben viele Gründe sich so zu verhalten wie sie es tun, eine starke Triebfeder für menschliches Verhalten ist das Grundbedürfnis nach Lustgewinn (alles was angenehm ist) und Unlustvermeidung (alles was unangenehm ist). 

Hilfreich ist es manchmal sich klar zu machen, dass es Menschen oft nicht möglich ist, anders zu sein als sie sind. Ansonsten wären sie nämlich anders und nicht so wie sie sind.


2) Achten Sie auf Ihre Selbstfürsorge - Niemand behauptet, dass Sie sich mit Menschen umgeben müssen, die Ihnen nicht gut tun. Im Gegenteil, es sind Beziehungen welche die eigene seelische Stabilität auf Dauer untergraben oder in Gefahr bringen, abzubrechen oder zu vermeiden, im Sinne der Selbstfürsorge und Eigenliebe.

Aber Vorsicht! Achten Sie in Zeiten der Wegwerfgesellschaft darauf, dass Sie Ihre Kontakte nicht zu "schnell" abbrechen und prüfen Sie gut, ob Sie die Beziehung nur vorübergehend "auf Eis legen" oder ganz beenden wollen. Wie lange man sich etwas beim anderen ansieht und wie weit jemand bei Ihnen gehen kann, sollten Sie dabei vorher selbst wissen.  

Wenn man jemanden im Grunde mag, aber die Meinung des anderen momentan die eigenen Abwehrmechanismen stört, der andere aber damit nicht aufhören kann, weil es Teil seines eigenen Abwehrmechanismus ist, sollte man mit Punkt 3 arbeiten, bevor man den Kontakt endgültig abbricht, wenn einem die Person etwas bedeutet.

Wenn Sie die Ansichten des anderen gar nicht tolerieren wollen, müssen Sie Ihre Konsequenzen daraus ziehen und den Kontakt beenden - in diesem Fall wäre es gut, dazu zu stehen.


3) Zeigen Sie sich sozial kompetent - egal ob Sie sich dazu ermuntert fühlen, andere Menschen zu belehren, erziehen oder zu unterstützen, machen Sie das stets freundlich und höflich und vergessen dabei nicht die Realität des anderen. Dies hat mehrere Gründe warum Sie das tun sollen, der Wichtigste dabei ist, dass Sie mit Ihrem Feedback keine Angriffsfläche für Konflikte bieten und trotzdem Ihre Bedürfnisse nach aussen transportieren können.

PsychotTipp1:

Gehen Sie immer davon aus, dass Sie die Realität des anderen nicht verstehen. Wenn Ihnen eine Person wichtig genug ist, können Sie versuchen die Beweggründe des anderen zu verstehen und nachfragen.

einige Beispiele von unverständlichem beobachtbaren Verhalten und mögliche Beweggründe die dahinter stehen könnten:

- jemand der zu Mißtrauen neigt oder schlechte Erfahrungen im Leben mit Vertrauen gemacht hat, könnte jetzt dazu neigen, Verschwörungstheorien schlüssig zu finden

- jemand der in Wirklichkeit sehr große Angst vor dem Sterben hat, könnte die Situation jetzt bagatellisieren

- jemand der seinen ganzen Selbstwert über Leistung bezieht, ruft zur Auflehnung gegen die Maßnahmen der Regierung auf

PsychotTipp2:

Validieren Sie die Realität des anderen. 

Überlegen Sie sich, welche Beweggründe hinter dem Verhalten des anderen stehen könnten und versetzen Sie sich hinein. Aus der Therapie mit schizophrenen Menschen wissen wir, dass es Realitäten gibt, die ein Gesunder nicht kennt, aber für den Kranken ist das real. Wenn Sie sich vorstellen würden, dass man Ihr Handy abhört, wie würden Sie sich fühlen? Auch verfolgt oder? 

Wenn Sie sich vorstellen, dass Sie vor dem Sterben so eine schreckliche Angst haben, dann ist es vielleicht verständlicher, dass es Menschen gibt, die davon gar nichts wissen wollen - die denken da gar nicht hin und tun so, als wäre es ein Tag wie jeder andere.

Validieren bedeutet verstehen, es bedeutet nicht zustimmen!


PsychoTipp3:

Suchen Sie den Dialog. Validieren Sie die Realität des anderen und danach bringen Sie Ihre eigenen Bedürfnisse vor. Sie haben dazu ein Recht zu sagen, wenn Ihnen etwas nicht passt, aber Sie haben nur das Recht das freundlich zu sagen. Jemanden abzuwerten ist nicht in Ordnung. Bitte vergessen Sie dabei nicht, dass dieses Recht auch dem anderen zusteht. Sagen Sie auch, wie Sie es haben möchten - gehen Sie nicht davon aus, dass jemand das wissen muß - wenn er es wüsste, müssten Sie das hier nicht lesen.

Aus der Therapie mit narzisstischer oder dissozialer Persönlichkeitsstörung kennen wir die validierende Gesprächstechnik, bei der wir zunächst die Türe mit dem Validieren öffnen und danach mit einem ABER die Türe weiter öffnen.

So oder so ähnlich könnte ein validierendes Gespräch zu Gunsten eigener Bedürfnisse lauten:

"So wie ich dich kenne, könnte ich mir gut vorstellen, dass die momentane Lage für dich so aussieht, als hätte sich die ganze Welt verschworen. Ich kann verstehen, dass es dich sehr viel Mut kosten würde, den Maßnahmen der Regierung hier zu vertrauen, ABER ich, für meinen Teil habe beschlossen, diesen Mut aufzubringen und möchte mich daher nicht mit Dingen beschäftigen, welche mich zusätzlich verunsichern. "

oder 

"Ich verstehe, dass du das Gefühl hast eine Lösung der momentanen Situation finden zu müssen und versuchst überall zu recherchieren, ABER ich habe für mich beschlossen, meine Informationsquellen auf XYZ zu beschränken, bitte respektiere es".

oder

"Ich kann mir gut vorstellen, dass du es daheim kaum mehr aushalten kannst, ABER deine ständigen Aufrufe hinauszugehen, helfen mir nicht gut die Ausgangsbeschränkungen auszuhalten. Ich wünsche mir, dass du in Zukunft, weniger Aufrufe startest ansonsten muß ich mich für einige Wochen von dir distanzieren."



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Quelle: Antensteiner